Es gibt viele Gründe, sich für Erasmus zu entscheiden. Ein anderer Blickwinkel auf das Austauschprogramm abseits von gängigeren Überlegungen und vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen.
Erasmus hat viele Gesichter, nicht nur, weil daran Studierende aus ganz Europa teilnehmen. Es fängt schon bei den Motivationsgründen an. Die eine sucht dort, was sie hier nicht findet, der andere möchte bloß raus und weg, ein Dritter seine Fremdsprachenkenntnisse aufpolieren, eine Vierte von allem etwas – und vielleicht lohnt es sich schon wegen der berüchtigten Erasmusfeiern? Könnte es noch andere Gründe geben, sich für Erasmus zu entscheiden?
Das wirkliche Europa der Universitäten
Erasmus bedeutet, auf ganz eigene und eindrückliche Weise ein anderes System kennenzulernen, sei es ein anderes Universitätssystem oder eine andere Bürokratie. Vielleicht wird Erasmus einmal - so zumindest die heutige Absicht - zu einem europäischen Hochschulraum beigetragen haben. Noch führt es einem bloß Unterschiede, Eigenheiten, Unverträglichkeiten und fehlende Kommunikation vor Augen. Recht bald wird klar, dass hinter einem ECTS-Punkt dort etwas anderes stecken kann als hier – auch wenn hinter beiden womöglich letzten Endes gleich wenig steckt. Und nicht erst bei der Anrechnung der im europäischen Ausland absolvierten Lehrveranstaltungen merkt man, dass irgendwo in der Übersetzung von Noten zwischen zwei Systemen etwas verlorengehen kann. Gleich zu Anfang verwirrt das andere Verständnis des eigenen Faches im Gastland und überrascht der Stellenwert von Universität in der Gesellschaft. Durch die Unterschiede und Überschneidungen zwischen den verschiedenen Systemen erinnert Erasmus daran, dass alle Regeln bloß menschliche Produkte und als solche änderbar und beugsam sind (wie etwa durch den berühmt-berüchtigten Erasmusbonus). Oder zumindest sollten sie das sein, wenn wir nicht etwas schaffen wollen, das uns später Kopf und Kragen kosten könnte.
Das letzte bisschen Freiheit
Im Zuge des Bologna-Prozesses und unter dem Druck der Politik auf die Universitäten, möglichst viele aktive Studierende vorzuweisen und mehr Abschlüsse bei kürzerer Studienzeit und wenigeren Drop-Outs zu produzieren, werden unsere Studien immer rigider, durchplanter und unflexibler, bis wir zuletzt vielleicht darin feststecken und nicht mehr weiterkommen werden. Zu einer Zeit, in der die Universität immer mehr zu einer Quotenerfüllerin verkommt und Studierende als bloße Zahlen in Statistiken auf- und untergehen, kann man sich wenigstens noch für ein Erasmussemester oder -jahr mehr oder weniger ausklinken. Nicht, dass diese Entwicklung an anderen europäischen Ländern vorbeigehen würde, aber so durchwegs decken sich die Studien meistens doch (noch) nicht, als dass man an der Gastuniversität zur Gänze in den starren Raster eines Studienplanes passen könnte. Man ist eben „Erasmus“ und damit eine eigene Kategorie für sich. Außerdem sind die Anforderungen für das Erasmusstipendium und das zusätzlich zur Studienbeihilfe angebotene Auslandsstipendium der Studienbeihilfenbehörde relativ gering. Überdies geht durch einen Erasmusaufenthalt kaum Zeit für das Studium an der eigenen Universität verloren, denn der Anspruch auf Studien- und Familienbeihilfe verlängert sich dadurch.
Wofür also Erasmus oder überhaupt ein Auslandsstudium? Für Studium, Berufsaussichten, zum Erlernen einer Fremdsprache, zum Kennenlernen einer anderen Gesellschaft und Kultur? Erasmus ist zwar ein bürokratischer Hürdenlauf sondergleichen, die Schwierigkeiten, die man bewältigen muss, sind allerdings den Aufwand wert. Nicht, um ein abstraktes Europa von morgen zu formen, sondern, neben all diesen anderen Gründen, um das Europa von heute und ein Stück relativer Freiheit und Ungebundenheit zu finden.
Dieser Artikel erschien in "Die Maske – Zeitschrift für Kultur- und Sozialanthropologie", 3. Ausgabe, Juni 2008.
17. 07. 2008 | 13:29
1. Erasmus, warum das? vom 17. 07. 2008
2. Bologna demaskiert. Terminologische Kulissenblicke durch den künstlichen Sprühnebel der Hochschulpolitik vom 22. 06. 2007
Um einen Text als PDF-Dokument herunterzuladen, klicke auf das PDF-Icon über dem jeweiligen Text. Du kannst aber auch alle Texte in einem einzigen PDF abrufen.